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Vorlesungstag an der Universität Leipzig

25. März 2010

Am 25. März 2010 veranstaltete das Institut für Versicherungs-wissenschaften e.V. an der Universität Leipzig bereits zum zehnten Mal den jährlichen „Vorlesungstag an der Universität Leipzig“, zu dem wieder mehr als 270 Teilnehmer nach Leipzig kamen. Der Vorle-sungstag gilt als einer der wichtigsten Branchentreffs zum Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis.

Eröffnet wurde der Vorlesungstag durch Begrüßungsworte seitens der Universität Leipzig von Herrn Prof. Dr.-Ing. Robert Holländer, Prorektor für strukturelle Entwicklung, und Herrn Prof. Dipl.-Ing. Johannes Ringel, Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig.

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Als erster Referent sprach Herr Jochen Sanio, Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, über „Erfahrungen aus der Finanzkrise und Perspektiven für die Aufsicht“. Herr Sanio erläuterte zunächst Gründe, die zur Finanzkrise führten. Dabei bezeichnete er die Rolle der Aufsicht in den USA als unzureichend. Auch hätte Basel I die Banken nicht vor der Schieflage bewahrt, da die geforderte Eigenkapitalhinterlegung nicht ausreichend war. Durch die restriktiven Kapitalanlagevorschriften für Versicherungen in Deutsch- land wurden die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise für die Versicherungsbranche begrenzt. Als große Kapitalsammelstellen hätten viele Versicherungsunternehmen einen Großteil ihrer Investitionen in Ausleihungen an Banken getätigt. Auch Dank der Bankenrettungsaktion des Bundes seien jedoch keine Papiere ausgefallen. Des Weiteren thematisierte Sanio, als Folge der Krise, die aktuelle Niedrigzinsphase am Markt. Zwar könne die Branche auch eine mehrjährige Niedrigzinsphase überstehen, doch würde sich die Risikotragfähigkeit der Unternehmen verschlechtern. Für einige Lebensversicherer könnte es schwierig werden, die durchschnittliche Bestandsverzinsung zu erwirtschaften. Derzeit sei das Kapitalanlageergebnis der Versich- erungsunternehmen zwar nur leicht rückläufig, doch mit der Zeit wird es härter, Kapitalanlageergebnisse in ausreichender Höhe zu erzielen. Nach Ausführungen zum aktuellen Stand von Solvency II – der Zeitplan muss eventuell angepasst werden – fasste Herr Sanio die derzeit größten Probleme aus Sicht der BaFin zusammen. Diese betreffen insbesondere den Bankenbereich. Er nannte u.a. das Schattenbankensystem und die weiterhin intransparenten Märkte für Kreditderivate. Seiner Ansicht nach muss ein Finanzsystem konstruiert werden, das auf globaler Ebene die Finanzmarktregulierung erneuert.

Anschließend sprach Herr Jürgen Vetter, Mitglied des Vorstands der ERGO Versicherungsgruppe AG, über die „Herausforderungen im Multikanal-Vertrieb eines großen Allspartenversicherers“. Herr Vetter erläuterte die Gründe für die im November 2009 gefallene Ent- scheidung der neuen Markenstrategie. ERGO wird künftig als Risiko- träger und eigenständige Marke für das Lebens- und Schaden-/ Unfallversicherungsgeschäft auftreten - neben den Spezialmarken DKV für die Krankenversicherung, der D.A.S. für die Rechtsschutz- versicherung und der ERV für Reiseversicherung. Mit der neuen Auf- stellung will ERGO in allen Vertriebswegen, so Herr Vetter, profitabel weiter wachsen und zusätzliche Kunden im deutschen Markt gewinnen. Dabei sollen alle bisherigen Vertriebskanäle unverändert bestehen bleiben. Das Zusammenspiel zwischen den Vertriebskanälen, insbeson- dere zwischen den Ausschließlichkeitsorganisationen und dem Direkt- vertrieb wolle man durch das Festlegen von „Spielregeln“ gestalten.

Nach der Mittagspause berichtete Herr Markus Hübel, Doktorand am Leipziger Institut für Versicherungswissenschaften, aus seinem Dissertationsprojekt zum Thema „Wertorientierte Steuerung in der Kompositversicherung – Anknüpfungspunkte zu Solvency II“. In dem Vortrag widmete sich Herr Hübel der zentralen Frage, in welchem Umfang ein Standardmodell zur Ermittlung aufsichtsrechtlicher Eigenmittelanforderungen für die Integration in ein wertorientiertes Steuerungsmodell geeignet sei.

Anschließend berichtete Herr Prof. Dr. Fred Wagner in seinem Vortrag „Der As-sistancemarkt in Deutschland – Stand und Perspektiven“ über die vom Institut im Auftrag des Gesamtverbands durchgeführte Assistance-Studie. Nach einer ausführlichen Marktanalyse zeigte Herr Prof. Dr. Wagner Wachstumspotentiale für Versicherungsunternehmen im Assistance-Sektor auf. Den Ergebnissen der Studie zu Folge sei der Anteil der Versicherer am Assistancemarkt noch ausbaufähig. Zudem seien die Versicherer selbst die größten Nachfrager nach Assistanceleistungen, und das nicht nur bei Anbietern innerhalb der eigenen Branche. Mit Assistanceleistungen können die klassischen Versicherungsprodukte zudem für den Kunden erlebbarer gemacht werden, was die Kundenbindung und auch die weitere Kundendurchdringung fördern könne.

Die darauf folgende Podiumsdiskussion zu den „Entwicklungspers- pektiven in der Lebensversicherung“ leitete Herr Dr. Frank Ellenbürger, Mitglied des Vorstands der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, mit einem Impulsbeitrag ein. Er legte hierbei den Fokus auf die finanziellen und bilanziellen Aspekte des Themas. Dabei sprach er Eckpunkte wie die Beitragsentwicklung in der Lebensversicherung, die Entwicklung der Bestandsverzinsung im Vergleich zum Marktzins und Solvency II an. Anschließend diskutierten die geladenen Experten, Herr Dr. Frank Ellenbürger, Herr Dr. Walter Botermann, Vorsitzender des Vorstands des ALTE LEIPZIGER – HALLESCHE Konzerns, Herr Alois Geisberger, Vorsitzender der Vertretervereinigung der Bayerischen Allianz e.V., Herr Stephan Kühnlenz, Leiter der Abteilung Finanz- dienstleistungen von Stiftung Warentest, und Herr Dr. Reiner Will, geschäftsführender Gesellschafter der ASSEKURATA Assekuranz Rating-Agentur GmbH, in der von Herrn Prof. Dr. Wagner moderierten Runde. Herr Prof. Dr. Wagner griff die von Herrn Dr. Ellenbürger eingangs dargestellten Schwerpunkte auf und stellte gezielt Fragen an die einzelnen Experten, die in einer lebhaften Runde erörtert wurden.

Im letzten Vortrag des Tages sprach Herr Matthias Horx, Trend- und Zukunftsforscher vom Zukunftsinstitut Horx GmbH, über „Die Zukunft nach der Krise“. Er identifizierte verschiedene Megatrends, die unsere Zukunft bestimmen werden. Hierzu gehörten u.a. Veränderungs- tendenzen in der Beschäftigungsstruktur. Frauen würden aufgrund ihres Bildungsniveaus in Gesellschaft und Wirtschaft eine stärkere Rolle spielen, was zu einer steigenden Konsumnachfrage und folglich einer robusteren Ökonomie führen wird. Im Bereich der Beschäftigungs- struktur würden die alten Dominanzbranchen Automobil, Pharma, Banken, Massenmedien und Handel durch neue Meta-Branchen, wie Green Industries, Human Resources, Smart Logistics, Care Providing, Restoration, Cultural Industries, abgelöst, so Herr Horx.